Rohstoffhandel

Rohstoffhandel

Kunst aus Daten<br>Harte Fakten: Wie Kunstwerke wirken die Spiralen, die unsere Titelstrecke zu den Rohstoffmärkten begleiten. Tatsächlich wurden die Gebilde per Software aus harten Fakten geformt ... (Infografiken: Florian Müller)
Kunst aus Daten
Harte Fakten: Wie Kunstwerke wirken die Spiralen, die unsere Titelstrecke zu den Rohstoffmärkten begleiten. Tatsächlich wurden die Gebilde per Software aus harten Fakten geformt ... (Infografiken: Florian Müller)
ROHSTOFFHANDEL
Der Bär ist los

Der Bär ist los

An Börsen wird nicht nur mit Aktien und Wertpapieren gehandelt, auch Rohstoffe wie Öl und Gas haben eigene Marktplätze. Was passiert da?

Text: Bärbel Brockmann

Rohstoffhandel

Seit Jahrhunderten wird mit Öl, Gas, Agrarstoffen und Industriemetallen gehandelt. Die Preise können stark schwanken. Bei Agrarstoffen zum Beispiel bei extremen Wetterlagen.

Fossile Energieträger

Erdöl und Erdgas werden noch lange zur Verfügung stehen. Branchenexperten gehen davon aus, dass die Reserven mindestens noch für die kommenden 50 Jahre reichen.

Handel mit LNG

Der Handel mit LNG verbindet die Gasmärkte physisch als auch preislich weltweit miteinander. Dies führt unter anderem dazu, dass sich die regionalen Preise für Erdgas annähern.

Großes Angebot

Das internationale Gasangebot ist derzeit so groß, dass die Endkundenpreise für Erdgas in Deutschland auf den tiefsten Stand seit zwölf Jahren gesunken sind, so das Internetportal Verivox.

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Die meisten Güter werden nicht dort konsumiert, wo sie vorkommen. Sie müssen gehandelt werden – in riesigen Mengen. Das gilt besonders für Rohstoffe wie Kaffee, Baumwolle, Gold, Erdöl oder Erdgas. Für den Handel gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man verkauft direkt an den Kunden oder man geht auf einen Marktplatz. Bei den Energierohstoffen Öl und Gas werden Geschäfte zu großen Teilen außerhalb der Börsen abgeschlossen, wobei zwischen Verkäufer und Käufer oft ein unabhängiger Makler steht.

Aber zu welchem Preis soll man handeln? Wie wissen Verkäufer oder Käufer, dass ein geforderter oder angebotener Preis angemessen ist? Beide Seiten brauchen einen Richtpreis, an dem sie sich orientieren können. Dafür gibt es in dem konservativen Öl- und Gasgeschäft seit Jahrzehnten Agenturen. Eine davon ist S&P Global Platts. Platts betreibt eine Plattform, auf der Produzenten, Raffinerien und Händler jeden Tag ihre aktuell getätigten Abschlüsse für Ölsorten, Rohölprodukte und Gas einstellen – auf freiwilliger Basis. Daraus errechnet Platts dann einen Referenzwert oder Benchmark für physisch gehandelte Produkte.

Wie Öl geht auch Gas zu einem großen Teil vom Produzenten direkt zum Käufer. Beide Seiten waren bislang meist durch langjährige Lieferverträge aneinander gebunden. Zum gegenseitigen Vorteil: Dem Produzenten geben lange Vertragslaufzeiten die Sicherheit, die er für seine milliardenteuren Investitionen in die Förderung und in den Transport des Gases durch Pipelines braucht. Dem Abnehmer bringen die langen Laufzeiten mehr Versorgungssicherheit. Aber die langfristigen Verträge bergen für beide Seiten auch das Risiko der Preisfixierung. Denn es lässt sich kaum voraussagen, wie sich die Energiepreise künftig entwickeln werden. Deshalb hatten sich vor allem westeuropäische Kunden mit ihren Lieferanten, die vor allem aus Russland und Norwegen stammen, darauf geeinigt, den Gaspreis an die Entwicklung des Ölpreises zu koppeln.

INTERESSANT FÜR DIE BÖRSE

Aber der Gasmarkt hat sich in den vergangenen Jahren vom Ölmarkt emanzipiert. Gas ist nicht mehr nur Nebenprodukt der Ölförderung, sondern wird seit Längerem auch unabhängig von Öl gefördert. Daher hat die Ölpreisbindung an Bedeutung verloren. Mehr Beachtung schenken die Marktteilnehmer derzeit den Spotmarktpreisen. Durch neu entdeckte Gasfelder ist der Rohstoff mittlerweile in großem Maß vorhanden und wird durch neue LNG-Terminals an Häfen auch global verfügbar. Dadurch ist die Liquidität des Gasmarktes rasant gestiegen. Damit zu handeln ist viel attraktiver geworden. So wird der Handel mit dem Rohstoff auch für Aktienbörsen interessant. Die New York Mercantile Exchange (NYMEX), einer der wichtigsten Handelsplätze für Öl und Gas, hat vor Kurzem einen neuen Terminkontrakt für LNG-Gas aus den USA eingeführt. Er könnte nach Einschätzung von Beobachtern das Zeug haben, zu einer Richtgröße beim internationalen Gaspreis zu werden.

NEUE BÖRSEN ENTSTEHEN

Börsen sind Marktplätze. Heute wie vor tausend Jahren. Früher ging man hin, brachte seine Ware mit und suchte einen Käufer dafür. Heute reicht es, zu versprechen, dass man eine bestimmte Menge Erdöl, Erdgas oder auch Benzin liefern kann – entweder im Spotmarkt oder zu einem vereinbarten Zeitpunkt in der Zukunft, als Terminkontrakte, im Fachjargon Futures genannt. So können Preisrisiken abgesichert werden. Ein Reeder könnte sich beispielsweise den Diesel für seine Schiffsflotte in einem Termingeschäft zum aktuellen Preis kaufen, die Ware später liefern lassen und sich so vor Preisschwankungen schützen. Eigentlich brauchen Händler heute nicht einmal mehr direkt zur Börse gehen. Die Präsenzbörsen sind auf dem Rückzug. Die meisten Börsen sind mittlerweile hochtechnologische elektronische Plattformen, über die eine riesige Zahl von Handelsgeschäften schnell getätigt und verrechnet wird. Ein Händler kann theoretisch von überall auf diese Plattformen zugreifen – vorausgesetzt, er hat die entsprechende Zulassung für den Börsenhandel und die technische Ausrüstung. 

In der Regel sitzen die Händler aber in großen Handelsräumen der Käufer- oder Verkäuferseite. Die wichtigste Börse für den Terminhandel mit Öl und Gas ist neben der NYMEX, die inzwischen zur Chicagoer CME-Gruppe gehört, die ICE Futures (früher: International Petroleum Exchange) in London. Sie wurde 2001 von der in Atlanta ansässigen Intercontinental Exchange übernommen. Ähnlich wie bei den Aktienbörsen findet auch unter Rohstoffbörsen seit Jahren eine Konsolidierung statt, um Skaleneffekte zu erzielen und Kosten zu senken. In den vergangenen Jahren sind auch ganz neue Börsen entstanden. Eine davon ist die SPIMEX, die St. Petersburg International Mercantile Exchange, die von großen russischen Rohstoffproduzenten wie Gazprom oder Rosneft getragen wird. 2009 ging sie als größte Plattform für heimische Energierohstoffe an den Start.

Foto: imago stock&people
Foto: Gazprom
Foto: EEX Leipzig

KONKURRENZ DURCH BLOCKCHAIN

Rosige Zeiten also für die Börsen? Nicht ganz! Ungemach droht durch die Digitalisierung. Die neue Technologie der Blockchain vereint auf den ersten Blick die Vorteile des bilateralen mit dem des börslichen Handels, ohne dass eine Börse tatsächlich nötig wäre. Jeder kann direkt mit jedem handeln, und jeder sieht gleichzeitig, was alle anderen tun. Das Ganze ist sehr transparent und in der Abwicklung sicher, sagen jedenfalls die Blockchain-Vordenker.

„Die Technologie ist interessant, aber kein Ersatz für den börslichen Handel oder für die Abwicklung von Börsengeschäften“, ist EEX-Börsengeschäftsführer Paulun überzeugt. Sein Hauptargument: In der Blockchain ist der Handel nicht anonym. „Das Prinzip der Blockchain basiert ja gerade darauf, dass jeder jeden sieht. Die Anonymität ist aber genau das, was die Teilnehmer an der Börse schätzen.“ Denn das hat Vorteile: An der Börse werde jeder gleich behandelt und Rückschlüsse auf die Strategie des Einzelnen seien kaum möglich. Blockchain oder nicht, an den weltweiten Energiemärkten dürfte auf längere Sicht erst mal alles so bleiben, wie es ist: Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis.

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