Pro und Contra

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PRO/CONTRA
Wettbewerbsfähig trotz Energiewende?

Wettbewerbsfähig trotz Energiewende?

Die Klimaschutzauflagen der Bundesregierung sind schärfer als im Ausland. Gefährdet das den Industriestandort Deutschland? Zwei Meinungen.

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„Die Industriesollte endlich dieKlimazieleakzeptieren.“ MICHAEL SCHÄFER,Leiter des Fachbereichs Klimaschutz und Energiepolitik beim WWF Deutschland

Teile der deutschen Industrie singen es oft und laut, das Klagelied über die Energiewende. Trotz vieler falscher Töne nimmt der WWF eine der Strophen sehr ernst. Aber zunächst zum Refrain: Die Energiepreise in Deutschland seien standortschädigend. Fakt ist: Der Industriestrompreis liegt in Deutschland bei gut vier Cent pro Kilowattstunde. Das ist etwas weniger als in Frankreich. In China zahlen Unternehmen über sechs und in Großbritannien über neun Cent. Zudem profitiert die Industrie in Deutschland von einer großen Versorgungssicherheit mit nur 13 Minuten Störungen pro Jahr.

Ernst zu nehmen ist aber: Für Investitionen, die sich über viele Jahre refinanzieren müssen, braucht die Industrie Verlässlichkeit, dass die Industriestromkosten langfristig wettbewerbsfähig bleiben. Diese Investitionssicherheit fehlt. Sie fehlt auch für Klimaschutztechnologien, weil nationale Klimaziele immer wieder infrage gestellt werden – zuletzt von den Landesregierungen in Nordrhein-Westfalen und Brandenburg.

Auf internationaler Ebene ist US-Präsident Trump mit dem Versuch gescheitert, die Pariser Klimaziele zu kippen. Die übrigen G20-Staaten inklusive Saudi-Arabien und Russland haben das Abkommen jüngst noch einmal bekräftigt. Gerade Deutschland, dessen CO2-Ausstoß seit 2009 nicht mehr sinkt und das sein Klimaziel 2020 drastisch zu verfehlen droht, muss jetzt liefern.

Die Energiewende ist längst global. Weltweit wird mehr in erneuerbare Energien investiert als in fossile und nukleare Kraftwerke. Die Automobilindustrie erlebt gerade, dass es standortschädlich ist, von der Politik vor Innovationsdruck geschützt zu werden. Die Industrie sollte endlich die vom Bundestag mit großer Mehrheit beschlossenen nationalen Klimaziele und die Sektorziele akzeptieren. Dann wird ein Dialog möglich, wie wir diese gemeinsam volkswirtschaftlich effizient erreichen und die Energiewende für eine Modernisierung unserer Volkswirtschaft nutzen können. Die Industrie kann dabei viel gewinnen: Investitionssicherheit.

Die Aufgabe, die sich die Gesellschaft gestellt hat, ist klar: den Klimawandel verhindern, ohne auf Stabilität und Wohlstand zu verzichten. Einfach und mit einer absoluten Garantie auf Erfolg verbunden ist das nicht. Es gibt kein Rezept dafür, wie diese Herausforderung zu meistern ist. Die bekannten Technologien, wie die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien, reichen nicht aus, um die in Paris unterzeichneten Klimaschutzziele zu erreichen.

Um im Laufe dieses Jahrhunderts den Ausstoß von CO2 im geforderten Maß zu reduzieren, muss nicht nur Strom CO2-frei erzeugt werden, sondern auch alle anderen Energieformen: Wir müssen heizen, ohne Öl, Gas oder Kohle zu verbrennen. Wir dürfen weder Benzin, Diesel noch Gas nutzen, um Transportmittel anzutreiben. Industrieproduktion, die derzeit viel fossile Energie benötigt, um Strom, hohe Temperaturen, Kälte und Druckluft zu erzeugen, muss CO2-neutral werden. Unser Leben wird sich damit verändern, und der Industriestandort von morgen ist ein komplett anderer als der heutige, wobei wir noch die gleichen Produkte wie Glas, Papier, Stahl, Kunststoff, Lebensmittel und anderes, was uns umgibt, brauchen werden.

Die Herausforderung ist enorm. Es ist evident, dass sie nur gemeinsam mit der Industrie zu meistern ist, wobei sich hiermit für die deutschen Unternehmen zugleich enorme Risiken, aber auch eine große Chance zu Fortschritt und weltweitem technologischem Vorsprung ergibt. Sie forschen daher bereits an CO2-neutralen Verfahren zur Stahlerzeugung, an chemischen Möglichkeiten, CO2 als Rohstoff zu binden (CCU), an technologischen Lösungen, EE-Strom in andere Energieformen zu wandeln (P2X), und vielem mehr.

„Wir müssenKlimaschutzneu denken.“ BARBARA MINDERJAHN, Geschäftsführerin des VIK Verband derIndustriellen Energie- und Kraftwirtschaft e. V.

Damit daraus in den nächsten Jahrzehnten aber wirtschaftlich anwendbare Lösungen werden, braucht es mehr als die von nationalen Gesetzgebern zu Recht eingeforderte Verbindlichkeit. Es braucht einen europäischen Klimaschutzpfad, der den Umbau der Industrie ermöglicht, statt sich auf das Festlegen von Effizienzzielen und CO2-Einsparschritten zu fokussieren, und es braucht den Schulterschluss zwischen Gesellschaft, Politik und Industrie in allen Fragen der Energiewende.

 

 

 

 

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