Demand Side Management

Demand Side Management

FLUGHAFEN STUTTGART<br> Bis zu 400 Starts und Landungen gibt es hier pro Tag. Gegen Stromausfall ist der Flughafen durch Notstromaggregate abgesichert. Deren Kapazitäten werden im Demand Side Management vermarktet. (Copyright: Frederik Laux)
FLUGHAFEN STUTTGART
Bis zu 400 Starts und Landungen gibt es hier pro Tag. Gegen Stromausfall ist der Flughafen durch Notstromaggregate abgesichert. Deren Kapazitäten werden im Demand Side Management vermarktet. (Copyright: Frederik Laux)
DEMAND SIDE MANAGEMENT
Halbe Kraft auf Ansage

Halbe Kraft auf Ansage

Durch die Flexibilisierung ihres Strombezugs stabilisieren Unternehmen das Stromnetz. Der Flughafen Stuttgart und der Papierhersteller UPM gehören zu den Pionieren.

Text: Andreas Schäfer

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Es ist eine einfache Rechnung: Der Anteil des Grünstroms soll weiter steigen, der aus konventionellen Quellen entsprechend sinken. Je höher aber der Anteil der volatilen Erneuerbaren, desto flexibler muss das Energiesystem werden, um die schwankende Einspeiseleistung auszubalancieren. Heute werden bei zu niedriger Stromproduktion zusätzliche Kraftwerke angeworfen. Als weitere Möglichkeit bleibt sonst nur, den Stromverbrauch auf der Bezugsseite zu drosseln. Also fahren Unternehmen ihre Maschinen herunter, sie brauchen dann weniger Strom und stabilisieren das Netz. 

Dann spricht man von Demand Side Management (DSM), ein Verfahren, bei dem die Nachfrage auf die Produktion reagiert. Unternehmen stellen bei Bedarf den Übertragungsnetzbetreibern ihre Flexibilität als Regelenergie zur Verfügung. Die Netzbetreiber zahlen für dieses Entgegenkommen. Pro Megawatt können das bis zu 60.000 Euro sein. Demand Side Management schlägt also zwei Fliegen mit einer Klappe: Es stützt das Netz und bringt den Unternehmen Erlöse.

Und das Potenzial ist riesig. Auf sechs Gigawatt schätzt es das Umweltbundesamt allein in der deutschen Industrie. Doch die Resonanz ist bisher bescheiden. So hat die Deutsche Energie-Agentur (dena) für Versuchsprojekte in Baden-Württemberg und Bayern Hunderte Unternehmen aus energieintensiven Branchen angeschrieben – beteiligt haben sich nur wenige.

Mit dabei war der finnische Papierhersteller UPM, seit Jahren Regelenergievermarkter. Ruft der Netzbetreiber an, steht in Schongau die Hackschnitzelmaschine still. Die 25-Megawatt-Anlage zerkleinert Hackschnitzel zu Fasern, die für die Papierherstellung ins Altpapier gemischt werden. Das Entscheidende: Das Abschalten führt nicht zum Produktionsstopp. „Wenn diese Anlage im Demand-Side-Markt eingebunden ist, kann die Papierherstellungsmaschine weiterlaufen, weil es einen nachgelagerten Faserspeicher gibt“, sagt Rainer Häring, zuständig für den Energiebereich in Westeuropa.

Auf diese Weise kann das Unternehmen etwa ein Viertel seines Strombezugs als Regelenergie vermarkten. Die flexible Verringerung des Strombezugs ist allerdings nur möglich, solange die Prozesse im Unternehmen nicht gefährdet und zugleich die Anforderungen der Energieregelmärke erfüllt sind.

UMSTELLUNG

In Stuttgart wird die Stromversorgung des Flughafens schrittweise flexibilisiert.

(Foto: Flughafen Stuttgart)

UMSTELLUNG In Stuttgart wird die Stromversorgung des Flughafens schrittweise flexibilisiert.

Millionen Euro 
Der Flughafen Stuttgart hat rund 12,4 Millionen Euro in das neue Blockheizkraftwerk investiert. Es wird jährlich etwa 4.800 Tonnen CO2 einsparen.

weniger CO2-Emissionen 
will der Flughafen bis 2030 in die Atmosphäre abgeben. Ein 2014 in Betrieb genommenes Blockheizkraftwerk mit Kraft-Wärme-Kälte-Kopplung leistet dafür einen wichtigen Beitrag.

NETZBETREIBER ENTSCHEIDET

Die Anpassung des Verbrauchs an die Gegebenheiten des Strommarktes ist als sogenanntes Lastmanagement nicht neu. Um die Energiekosten niedrig zu halten, werden Maschinen, abhängig vom Strompreis, gedrosselt oder hochgefahren. Beim Demand Side Management kommt die Netzdienlichkeit hinzu. Und der Umstand, dass der Netzbetreiber entscheidet, wann Anlagen abgeschaltet werden.

ENTSCHEIDER Holm Wagner (l.) und Elias Siehler sind für das Energiemanagement in Stuttgart zuständig.

Diese Anbindung kostet – fast 50.000 Euro betrugen die Investitionen beim Stuttgarter Flughafen, der über seine Notstromaggregate Regelenergie vermarktet und bis 3,2 Megawatt zugelassen ist. „Wir denken, dass wir diese Kosten nach zwei Jahren wieder eingespielt haben“, sagt Holm Wagner, Geschäftsführer der Flughafen Stuttgart Energie. Ist das System einmal implementiert, hält sich der Aufwand in Grenzen. „Jetzt läuft fast alles automatisiert über unsere Gebäudeleittechnik“, erklärt Kollege Elias Siehler. „Wir entscheiden nur, welche Last wir für unser eigenes Lastmanagement nehmen und was wir als Regelenergie anbieten.“

PRODUKTION
Die Papierherstellungsanlage von UPM in Augsburg.

Inzwischen bündeln sogenannte Aggregatoren die flexiblen Lasten und bieten sie Netzbetreibern im Pool an. So können auch kleinere Unternehmen ihre Flexibilität vermarkten. Seit Herbst 2016 gibt es auch Anreize für Investitionen. Es hapert aber an Regularien und Koordination. So kann die Teilnahme am Demand Side Management auch ungewollte Kosten produzieren, wie Rainer Häring von UPM erklärt: „Der Strompreisanteil, den ein Unternehmen pro Kilowattstunde als Leistungspreis zu bezahlen hat, wird durch die einmal im Jahr erforderliche Leistungsspitze für 15 Minuten ermittelt. Wenn Sie durch eine Regelenergieaktivität eine Leistungsspitze erzeugen, dann bezahlen sie nicht nur dafür, sondern mit jeder Kilowattstunde, die sie innerhalb des Kalenderjahres beziehen.“

Megawatt 
benötigt die Häcksleranlage bei UPM in Augsburg für die Faseranreicherung bei der Papierherstellung. Dabei wird die Spitzenlast nur wenige Mal im Jahr abgerufen

Länder 
umfasst der Unternehmensbereich von UPM, und er beschäftigt rund 20.000 Mitarbeiter. Dieses Jahr wird ein Gewinn vor Steuern von 270 Millionen Euro angepeilt. Die Firmenzentrale ist Helsinki.

Für den Flughafen Stuttgart wäre es theoretisch auch möglich, seinen Gasbezug zu flexibilisieren, aber seit durch Unbundling (Entflechtung) Vertrieb und Netz getrennt wurden, kommunizieren die Flughafenmitarbeiter umständlich mit verschiedenen Ansprechpartnern. „Bisher gab es von unserem Gasversorger keine Anfrage“, so Holm Wagner. Noch ist das Demand Side Management ein schlafender Riese. Aber der kann in Kürze aufwachen, spätestens 2022, wenn in Deutschlang die letzten Atomkraftwerke vom Netz gehen. „Falls wir dann einspringen müssen“, sagt Wagner, „gilt es vorbereitet zu sein.“

Pro und Contra
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