Blockchain

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BLOCKCHAIN
Invasion der Codes

Invasion der Codes

Revolution aus dem Cyberspace: Mithilfe der Blockchain können Geschäfte ohne einen Mittler abgewickelt werden. Hat das virtuelle Kassenbuch das Zeug, die Energiesysteme aufzumischen?

Text: Ralph Diermann

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Wenn zwei Parteien miteinander handeln wollen, müssen sie einander vertrauen. Darauf, dass der eine die Ware wie vereinbart liefert. Und darauf, dass der Empfänger sie wie vereinbart bezahlt. Um das sicherzustellen, laufen die meisten Geschäfte über Mittler wie Händler oder Börsen. Sie bringen Verkäufer und Käufer zusammen. Ebenso wichtig ist ihre zweite Funktion: Sie beglaubigen die Transaktion – und stiften so das nötige Vertrauen zwischen den Geschäftspartnern.

Diese Leistung hat jedoch ihren Preis. Könnte man auf Mittler verzichten, würde der Handelsprozess effizienter und günstiger. Viele Experten setzen daher große Hoffnungen auf eine Technologie, die lange Zeit als Spielwiese für Nerds galt: Blockchain. Ursprünglich als technische Basis für die digitale Währung Bitcoin entwickelt, schafft die Blockchain einen Rahmen für sichere Geschäfte zwischen zwei Parteien („Peer-to-Peer“). 

Da die Daten der Transaktionen dezentral dokumentiert werden, ist keine zentrale Instanz nötig, die den Handel für gültig erklärt. Experten sprechen daher auch von einem webbasierten, dezentralen, öffentlichen Buchhaltungssystem. Auf jeden Fall spart es Kosten. Aber vor allem ermöglicht die Blockchain neue Geschäftsmodelle – und stellt etablierte auf die Probe. Wer braucht dann noch eine Bank, um Geld zu transferieren? Wie verändert sich die Rolle der Versorger, wenn Verbraucher mit einer Blockchain Strom direkt beim Produzenten kaufen könnten? Während sich die Finanzindustrie schon seit einigen Jahren intensiv mit Blockchain auseinandersetzt, hat nun auch die Energiewirtschaft das Thema für sich entdeckt.

„Das Potenzial von Blockchain ist riesengroß. Auch wenn derzeit noch völlig offen ist, welche Anwendungen den Durchbruch bringen werden“, sagt Professor Jens Strüker, Geschäftsführer des Instituts für Energiewirtschaft (INEWI) der Hochschule Fresenius in Frankfurt am Main. Allerdings beobachtet er Testläufe bei der Erstellung von Grünstromzertifikaten, individuellen Benchmarks für Erzeugung und Verbrauch, bei Anlagenbewertungen und Direkt-Stromhandelsmodellen oder auch zur Beschleunigung von Regelenergieabrechnungen.

STROMHANDEL ÜBER DEN GARTENZAUN
Da das Energiesystem mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien neu strukturiert wird, kommt die Technologie zur rechten Zeit. „Der Energiemarkt der Zukunft wird sehr kleinteilig sein und dominiert von vielen dezentralen Erzeugungsanlagen mit wetterabhängig stark schwankender Einspeisung wie Photovoltaik-Anlagen oder erdgasbetriebenen Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen“, erklärt Tobias Federico, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Energy Brainpool. „Mit ihren niedrigen Transaktionskosten passt die Blockchain da perfekt ins System. Denn sie macht es möglich, sehr geringe Energiemengen zu handeln.“

Wie das konkret aussehen könnte, erprobt das australische Start-up Power Ledger derzeit mit einem Pilotprojekt in der Nähe von Perth. Das Unternehmen hat eine Blockchain-Plattform geschaffen, auf der die Bewohner einer Neubausiedlung selbst erzeugten Solarstrom an ihre Nachbarn verkaufen können. Intelligente Messsysteme halten fest, wie viel Energie die einzelnen Parteien erzeugt und verbraucht haben, und geben die Daten in die Blockchain, sodass die Geschäfte dokumentiert sind und abgerechnet werden können. „Die Bewohner sind jetzt in der Lage, den Strom von ihren Dächern untereinander zu handeln, ohne dass dabei ein Versorger beteiligt ist“, erläutert Power-Ledger-Vorstand Jemma Green.

So attraktiv der direkte Handel für Nachbarn auch sein mag, so hat er doch einen gravierenden Nachteil: Er bringt einen Schuss Anarchie in die Energiewirtschaft. Das ist vor allem mit Blick auf die Versorgungssicherheit ein Problem, sagt Axel von Perfall, Experte für die Digitalisierung der Energiewirtschaft beim Consulting-Unternehmen PwC. „Wie sollen Versorger und Netzbetreiber Stromangebot und -nachfrage in der Balance halten, wenn Energie weitgehend unterhalb ihres Radars gehandelt wird? Daher ist der Stromverkauf über den Gartenzaun in Deutschland praktisch kaum möglich. Zumindest nicht heute – der bestehende regulatorische Rahmen verhindert dies“, erklärt von Perfall.

VERSORGER AUS DER COMMUNITY
In der Blockchain-Technologie steckt jedoch weit mehr als nur das Peer-to-Peer-Geschäft zwischen Produzenten und Verbrauchern. Neue Geschäftsmodelle, schnellere und einfachere Prozesse, effizientere Transaktionen – laut einer Umfrage der Deutschen Energie-Agentur (dena) und der Hochschule ESMT Berlin unter 70 Managern der Energiewirtschaft gibt es für Blockchain viele Einsatzfelder. Die Hälfte der Teilnehmer gab an, bereits Testläufe mit Blockchain durchzuführen oder zu planen.

Einer der Vorreiter ist dabei der von deutschen Blockchain-Experten gegründete Versorger StromDAO. Im ersten Schritt will das Unternehmen die Technologie für die Abrechnung der an die Endkunden gelieferten Strommengen einsetzen, um sie effizienter zu machen. „Wir haben uns gefragt: Wo können wir im bestehenden regulatorischen Rahmen die Blockchain nutzen? Da bieten sich diese Prozesse an“, sagt Mitgründerin Kirsten Hasberg. Und weiter: „Die Blockchain macht es möglich, völlig neue Produkte, Tarife und Services auf den Markt zu bringen.“ So könnten sich zum Beispiel Haushalte finanziell an einer Solaranlage beteiligen und den damit erzeugten Strom anteilig selbst nutzen. Die Blockchain dokumentiert dabei, wie viel Energie erzeugt und verbraucht wurde. Mit diesem Modell hätten auch Haushalte ohne eigenes Solardach Gelegenheit, sich mit selbst produziertem Sonnenstrom zu versorgen.

Wie auch immer solche Modelle konkret gestaltet sein werden: Ganz ohne dritte Partei kommt auch das Blockchain-System nicht aus. Denn die Verbraucher benötigen eine Instanz, die Verantwortung für die Versorgungssicherheit übernimmt. Sie muss gewährleisten, dass der Strombedarf der Kunden zu jeder Zeit gedeckt ist und sich um regulatorische Pflichten wie das Bilanzkreismanagement kümmern. Das sind klassische Aufgaben von Energieversorgern, die damit zumindest einen Teil ihres Vertriebsgeschäfts mit diesen Kunden retten könnten.

Doch bevor Blockchain über Pilotprojekte hinaus eingesetzt werden kann, kann es noch etwas dauern. „Bis regulatorische Rahmenbedingungen geschaffen sind, die den Einsatz der Blockchain in der Breite ermöglichen, werden meiner Einschätzung nach noch vier bis sechs Jahre vergehen“, prognostiziert Energy-Brainpool-Chef Federico. Zeit genug also für die Branche, die richtigen Strategien und Geschäftsmodelle für die neue Technologie zu entwickeln.

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