Energiekosten

Energiekosten

(Copyright Bild: Getty Images)
(Copyright Bild: Getty Images)
ENERGIEKOSTEN
Wer soll das stemmen?

Wer soll das stemmen?

Die Energiewende kostet Milliarden. Die hohen Ausgaben belasten die Haushalte, die Industrie fürchtet um ihre Wettbewerbsfähigkeit.

Text: Bärbel Brockmann und Tanja Requardt

Seiteninhalt

Als der deutsche Strommarkt 1998 liberalisiert wurde, versprachen die Politiker fallende Strompreise. Nicht mehr als die inzwischen schon berühmt gewordene Kugel Eis sollte die Energiewende einen Durchschnittshaushalt im Monat kosten. Das versprach der frühere Umweltminister Jürgen Trittin. Beide Prognosen haben sich bekanntlich nicht bewahrheitet. Und das liegt zu einem wesentlichen Teil an der Energiewende, durch die die Treibhausgasemissionen in Deutschland drastisch gesenkt werden sollen. Deren zentraler Baustein, die Förderung der erneuerbaren Energien, kostet seither Jahr für Jahr Milliarden. Ein Durchschnittshaushalt mit einem Stromverbrauch von 3.500 Kilowattstunden (kWh) zahlte 2016 für die EEG-Umlage, mit der ein Großteil der Energiewende finanziert wird, 222 Euro. 2017 sind es 18 Euro mehr. Seit der Einführung der EEG-Umlage im Jahr 2000 hat sich diese Abgabe um über 3000 Prozent erhöht.

EURO KOSTET EINE KUGEL EIS. Nicht mehr sollte jede Familie in Deutschland pro Monat für die Energiewende bezahlen – versprach Grünen-Politiker Jürgen Trittin.

Und es zeichnen sich „weitere Kostensteigerungen“ ab, wie eine von der Bundesregierung eingesetzte Expertenkommission kürzlich bescheinigte. Zudem würden zentrale Klimaschutzziele ,,mit großer Sicherheit verfehlt“. Denn: Um das Ziel einer 40-prozentigen Emissionsminderung bis 2020 im Vergleich zu 1990 noch zu erreichen, müsste das Tempo der CO2-Einsparung in etwa vervierfacht werden. „Aus heutiger Sicht ist nicht zu erkennen, wie die Bundesregierung das Ziel noch erreichen möchte“, schreibt die Kommission und empfiehlt einen vollständigen „Systemwechsel“. Nachhaltig finanzierbar sei die Energiewende nur, wenn der Europäische Emissionshandel verschärft werde. Die „aktuell existierenden, komplexen Fördermechanismen“, so die Wissenschaftler, „sollten abgeschafft werden“.

EURO IM MONAT muss jeder Bürger bis 2025 für die Energiewende beisteuern. Dafür könnten man alle
vier Wochen beim Kleinstadt-Friseur vorbeischauen. Nur Schnitt ohne Farbe und Fönen.

(Copyright Bild: Stocksy United)

Noch ist es aber nicht soweit. Obwohl die bisherige Bilanz zum Handeln drängt. So hat Wirtschaftlichkeit der Energiewende bei einer Zwischenbilanz des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) bei einem aktuellen Ranking nur 25 von 100 möglichen Punkten erreicht – die Ökonomen kritisieren unter anderem, dass die Regierung im Jahr 2011 eigentlich versprochen hatte, dass die EEG-Umlage bei etwa 3,5 Cent bleiben sollte, 2015 aber schon bei 6,17 Cent lag. Die Wirtschaftsforscher des IW rechnen mit einen weiteren Anstieg der EEG-Umlage bis 2025 auf neun Cent je Kilowattstunde.
Allein für diese Umlage werden die Verbraucher demnach 2017 monatlich zwei Milliarden Euro an die Betreiber von Wind-, Fotovoltaik-und Biogasanlagen zahlen. ,,Bisher galt die EEG-Umlage als der große Kostenblock in der Energiewende", sagt Energieökonomin Esther Chrischilles vom IW-Köln. ,,Inzwischen entstehen aber auch immer mehr indirekte Kosten – und die erhöhen die Netzentgelte weiter."

Eine mögliche Gesamtsumme von direkten und indirekten Kosten der Energiewende - die indirekten Kosten umfassen in erster Linie den Ausbau der Übertragungs- und Verteilnetze – hat das Institut für Wettbewerbsökonomik der Universität Düsseldorf (Dice) errechnet. Es kommt zu dem in Politik und Energiewirtschaft viel diskutierten Ergebnis, dass in den kommenden zehn Jahren weitere 370 Milliarden Euro aufgewendet werden müssen. Neben der direkten Förderung der erneuerbaren Energien über die EEG-Umlage sind in dieser Zahl auch die Kosten für den Ausbau der Stromnetze und die Förderung der Kraft-Wärme-Kopplung berücksichtigt. Zusammen mit den seit dem Jahr 2000 bereits angefallenen Kosten von 150 Milliarden Euro beläuft sich die Gesamtrechnung damit bis 2025 auf mehr als eine halbe Billion Euro. Zum Vergleich: Der Bundeshaushalt sieht für 2016 Ausgaben von 317 Milliarden Euro vor.

EURO MUSS EINE VIERKÖPFIGE FAMILIE bis 2025 für die Energiewende zahlen. Das gäbe schon mal einen Mittelklasse-Neuwagen. Heute könnte man sich mit der Prämie vom Bund sogar ein kleineres Elektroauto kaufen.

(Copyright Bild: Stocksy United)

"Eine vierköpfige Familie zahlt somit direkt und indirekt über 25.000 Euro für die Energiewende“, sagt Prof. Justus Haucap, Ökonom und Direktor des Düsseldorfer Instituts. Pro Einwohner seien das mehr als 6.000 Euro. Der Löwenanteil von 18.000 Euro beziehungsweise 4.500 Euro komme auf die Verbraucher aber erst noch zu, weil die Kosten exponentiell steigen. Außerdem wurde in der Studie nur die Zeit bis 2025 betrachtet und nur der Stromsektor. Die Kosten dürften danach weiterlaufen. Vor allem, wenn man berücksichtige, dass die Energiewende inzwischen auch das Ziel einschließt, im gesamten Verkehrs- und Heizungsbereich möglichst ohne fossile Brennstoffe wie Öl, Kohle oder Gas auszukommen. Diese so genannte Sektorkopplung werde weitere Milliarden kosten, etwa durch die Förderung von Elektroautos und elektrischen Wärmepumpen.

Für Hermann Falk, Geschäftsführer des Bundesverbandes Erneuerbare Energien (BEE), geht die Rechnung des Düsseldorfer Instituts allerdings nicht auf. „Auch ohne Energiewende müssten die Netze modernisiert und ausgebaut werden, was die Studie gänzlich verschweigt. Ohne Energiewende müsste darüber hinaus viel mehr für Klimaschutz bezahlt werden“, sagt Falk. Er bemängelt außerdem, dass die von Arbeitgeberverbänden finanzierte Dice-Studie die Nutzenseite der Energiewende nicht berücksichtige. Wie zum Beispiel die Schaffung von 360.000 Arbeitsplätzen oder die Investitionen in den Bau neuer Ökostrom-Anlagen. Allein 2015 summierten die sich auf 15 Milliarden Euro.

EURO MUSS JEDER BÜRGER bis 2025 zur Energiewende beitragen. Das wären schöne Familienurlaube im Süden geworden. Am Strand, vier Wochen, all inclusive.

(Copyright Bild: Aurora Photos, USA)

Die Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE in Freiburg haben eine eigene Rechnung aufgemacht. Sie untersuchen die Kosten für die Transformation des Energiesystems für unterschiedliche Szenarien - dabei spielen die Preisentwicklung für fossile Energieträger und die Kosten, die auf CO2-Emissionen erhoben werden, eine Rolle. „Bleiben beispielsweise die Preise für fossile Energieträger bis 2050 gleich und die Kosten für CO2-Emissionen langfristig niedrig“, so Prof. Hans-Martin Henning, stellvertretender Institutsleiter, ,,dann liegen die Gesamtkosten für das kostengünstigste Szenario bei rund 1100 Milliarden Euro, das heißt um 25 Prozent höher als im Fall des Weiterbetriebs des heutigen Energiesystems.“ Gehe man allerdings von einer Erhöhung der Preise für fossile Energieträger um jährlich drei Prozent aus, dann entsprechen die Gesamtkosten für eine Transformation des Energiesystems den Kosten für einen Weiterbetrieb des heutigen Systems – und das bei gleichzeitiger Reduktion energiebedingter CO2-Emissionen um 85 Prozent. Dies sei eine reine Systemkostenanalyse, erklärt Henning, zu beachten sei, dass ,,auch in einer Zukunft ohne erneuerbare Energien die vorhandene Energieinfrastruktur ständig unterhalten und modernisiert werden muss.“

Den Umbau der Energielandschaft soll der Klimaschutzplan 2050 der Bundesregierung vorgeben: Bis zu diesem Jahr peilt die Bundesregierung eine Verringerung der Treibhausgasemissionen um 80 bis 95 Prozent an. Wie dieses Ziel erreicht werden soll, und wie teuer es letztendlich wird, ist allerdings nicht konkret beschrieben. Doch egal, welche Betrachtung man zugrunde legt, eines ist sicher: Der Umbau der Energielandschaft wird viel Geld kosten. Anders als die Kugel Eis, die Jürgen Trittin 2003 als Kostenprognose für die Energiewende abgegeben hatte, liegt die Summe von gut einer Billion Euro sehr nahe an der Prognose, die der spätere Umweltminister Peter Altmaier 2013 abgegeben hat. Damals war er dafür als Schwarzmaler gescholten worden. Heute muss man ihm wohl recht geben.

HOCHRECHNUNG: Das Institut für Wettbewerbsökonomie an der Universität Düsseldorf hat eine Prognose über die mögliche Kostenentwicklung der Energiewende erstellt. (siehe Zahlen in den roten Kreisen)

MARKT

Lokal und digital

Kommunale Unternehmen entwickeln innovative Ideen, die auch die Region stärken.

INFOGRAFIK

Die Kosten der Energiewende

Die Infografik zeigt den Kostenverlauf der Energiewende in Deutschland von 1998 bis 2025. Es wird deutlich, welche direkten und indirekten Kosten die Preistreiber sind.

POLITIK

Ein Ziel, viele Meinungen

Mit dem Klimaschutzplan sind die CO2-Einsparziele für alle Sektoren bis 2030 festgelegt. Doch nach wie vor gibt es Diskussionsbedarf.